Medienschau

13. März 2010

«Wir organisieren die Rangreihenfolge»

    «Das Netz quillt über mit Informationen – wir organisieren die Rangreihenfolge. Das ist die Leistung, die wir bringen.»
Der dies laut Heise Online sagte, ist Christoph Keese, Konzerngeschäftsführer Public Affairs der Axel Springer AG. Mit «wir» meint Keese die deutschen Zeitungsverleger, und für deren Leistung, die «Organisation der Rangreihenfolge» eben, fordert der Springer-Mann eine Leistungsschutzabgabe auf beruflich genutzte Computer.

Nicht nur auf hiesigen News-Websites ist es um diese «Rangreihenfolge» jedoch nicht immer zum Besten bestellt. So schreibt etwa Thomas Knüwer auf seinem Blog Indiskretion Ehrensache:

    «Nun, dann schauen wir uns die Rangreihenfolge doch einmal an, in diesen Sekunden, da ich dies tippe. Da meint Welt Online, die wichtigste Meldung der Welt sei, dass die FDP Kritik an Guido Westerwelle ‹Diffamierung› nennt. Derzeit also, in diesen Sekunden, gibt es auf der Welt nichts Wichtigeres als PR einer Partei. Es muss ein ruhiger Tag sein. Daneben bekomme ich mitgeteilt, dass ein Aldi-Bruder laut ‹Forbes›-Liste nicht mehr so reich ist wie zuvor – eine Meldung von gestern. Oder ich darf mir das Auslaufen eines Kreuzfahrtschiffes anschauen – inszenierte Unternehmens-PR.»

Und:

    «[...] die Redaktionen der Republik haben ja kein Interesse daran, tatsächlich die Rangreihenfolge der Nachrichten abzubilden – es wäre für sie in Sachen Abrufzahlen kontraproduktiv. Nein, Online-Redaktionen gewichten die Meldungen besonders stark, die in einem bestimmten Moment besonders hohe Abrufzahlen erreichen. Somit erhalte ich nur dann einen ordentlichen Überblick über die Nachrichtenlage, wenn ich viel klicke oder besonders häufig auf der Seite zu Gast bin. Das ist für die Redaktion wünschenswert, für den Leser extrem ineffizient.»

Siehe dazu auch:
- «It's journalism caviar»
- Experten zu Newsnetz – uncut
- (Online-)Journalismus ist auch eine Dienstleistung

12. März 2010

Googles Rat an Zeitungsverleger: «Experimentieren, experimentieren, experimentieren»

An einem Workshop der Federal Trade Commission referierte Google-Chefökonom Hal Varian am vergangenen Dienstag zum Thema «Newspaper Economics, Online and Offline». Martin Langeveld hat Varians Präsentation für das Nieman Journalism Lab zusammengefasst und der Zusammenfassung ein Transkript des Vortrags angehängt. Nichts Weltbewegendes zwar, aber dennoch lesenswert, insbesondere wenn man sich in einem zweiten Browserfenster gleichzeitig Varians Slides (PDF) anzeigen lässt.

Hier nur ein Auszug zu einem meiner Lieblingsthemen, der Verweildauer, also der Zeit, die User auf News-Websites und mit gedruckten Zeitungen verbringen:

Weiter lesen ...

9. März 2010

Abt. «Dumme Fragen»

Heute mit «NZZ Campus» (März 2010, S. 3):

1. Frage an die Studentin Ishita Malaviya (21):

    «Was fühlst Du beim Surfen?»
3. Frage an die Studentin Ishita Malaviya (21):
    «Und wie fühlst Du Dich, wenn Du zur Uni gehst?»

6. März 2010

Abt. «Dümmliche Umfragen»

Heute mit tagesschau.sf.tv:

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5. März 2010

Reicht ein Schulterzucken?

von Fred David

War die Publikation der zwei Polizeifotos von Hannibal Ghadhafi journalistisch gerechtfertigt? Brachte das Foto einen notwendigen Informationsgewinn? Darf ein Polizeifoto nach Einstellung des Strafverfahrens publiziert werden, auch wenn gegen den Beschuldigten nichts mehr vorliegt? Sollte sich die Zeitung entschuldigen? Der Chefredaktor der «Tribune de Genève» antwortet in einem Interview mit «Le Temps» – und lässt alles offen.

Zur Erinnerung: Etwa ein Dutzend Genfer Polizisten hatten sich am 21. Juli 2008 gewaltsam Zugang zu Hannibals Hotelzimmer im Hotel Président Wilson verschafft und ihn offenbar mit gezogener Waffe abgeführt. Der Vorwurf: Er beziehungsweise seine Frau hätten zwei Dienstboten geschlagen und genötigt. Hannibal sass zwei Tage in einer Zelle mit einem andern Gefangenen und kam dann gegen eine Kaution von 500'000 Franken frei. Die zwei Hausangestellten zogen kurze Zeit später ihre Anzeige zurück. Das Strafverfahren wurde eingestellt.

Einige Zeit danach veröffentlichte die «Tribune» die zwei Polizeifotos Hannibals, was zu heftigen Protesten Libyens und einer Klage gegen einen «Tribune»-Journalisten wegen Verletzung des Persönlichkeitsschutzes führte. Das Verfahren ist hängig. Die Staatsanwaltschaft konnte den Lieferanten der Polizeifotos bis heute nicht eruieren. Die Weiterungen der Affäre sind bekannt: Geiselnahme in Libyen, Einreiseverbot für 180 hochrangige Libyer in die Schweiz, in Anspruchnahme der Solidarität aller Schengen-Staaten durch die Schweiz, Jihad-Androhung durch Ghadaffi – die grösste aussenpolitische Krise der Schweiz der letzten Jahrzehnte.

Dass der Chefredaktor den Fotolieferanten schützt, ist nachvollziehbar. Aber reicht angesichts der Dimension der Affäre ein Schulterzucken?

Update, 9. März 2010: Siehe dazu auch Rainer Stadlers «Hannibal und die Bilderflut».

2. März 2010

Martin Spieler wird Chefredaktor der «SonntagsZeitung»

Martin Spieler, derzeit noch Schriftleiter der «Handelszeitung» sowie Verwaltungsratsmitglied der Club zum Rennweg AG und der 3 Plus Group AG (TV-Sender 3+), tritt im Sommer 2010 die Nachfolge von Andreas Durisch als Chefredaktor der «SonntagsZeitung» an. Dies gab Tamedia heute in einer Medienmitteilung bekannt.

Siehe dazu auch:
Andreas Durisch verlässt die «SonntagsZeitung»


Update, 4. März 2010: Frage von «persoenlich.com» an den designierten «SoZ»-Chefredaktor:

    «Also kein Platz für Midrisk Journalismus?»
Antwort Martin Spieler:
    «Kritischer Journalismus geht immer Risiken ein. Aber wer eine zu hohe Fehlerquote bei seinen Geschichten aufweist, ungenau arbeitet und unfairen Journalismus betreibt, hat in meinem Team nichts zu suchen.»
Aha, kein Midrisk-Journalismus zwar, aber äs bitzeli Pfusch darf dann schon sein.

28. Februar 2010

Von Waschmaschinen und «NZZaS»-Redaktorinnen

Hefti_Werbung_NZZaS.png

«Genau mein Stil», wird Fiona Hefti, «Stil»-Redaktorin der «NZZ am Sonntag», in einem in der «NZZ am Sonntag» erschienenen Inserat des Waschmaschinenherstellers Schulthess zitiert.

Trümlig, wirklich trümlig ......... könnte es einem da werden!

Ob Frau Hefti auch für die Marke OPI tätig ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Zu den Nagellacken des Kosmetikherstellers schreibt sie jedenfalls – dieses Mal im redaktionellen Teil der «NZZaS»:

    «Die raffiniertesten Farben aber sind jene Farbtöne dazwischen, zum Beispiel Dunkelgrau ‹You don't know Jacques› von OPI [...]. OPI gehört zu den wichtigsten Namen in Sachen Nagellack. Mit über 300 Farben hat der ehemalige Zahn-Produkte-Hersteller die wohl grösste Palette an Lacken.»
u.s.w.u.s.f.

The State of the Internet


(Via KoopTech)

26. Februar 2010

«Really, really good journalism is really hard»

Ben Hammersley, Chefredaktor von «Wired» (UK) zu Print, Online, news as a conversation («I violently, violently, massively disagree with that»), Paid Content etc. Knapp 19 Minuten gesunder Menschenverstand:


(Quelle: dctp.tv)

25. Februar 2010

Was ist da los?

Von Fred David

Habe ich ein altmodisches Verständnis von Journalismus? Offenbar - hoffnungslos veraltet.

Heute Nacht (Donnerstag, 25.2.) um 3.45 Uhr brannte in Kappelen ein Asylbewerberheim lichterloh. Es kam zu dramatischen Szenen, wie ich mich nicht erinnern kann, von so etwas in den letzten Jahren gelesen zu haben: 14 Schwerverletzte, 30 Verletzte insgesamt, schwere Knochenbrüche, Beckenbrüche nach Stürzen aus dem Fenster, «verängstigte Mütter halten schreiende Kinder auf dem Arm, ein Mann schlotternd barfuss in der Kälte, Rettungswagen in Minutentakt.»

Unsere sonst so kreglen Online-Dienste zitieren auch noch Stunden später als Quelle ihrer dürren Kurzmeldungen entweder sda («Tagesschau»), «die online-Ausgabe des Bieler Tagblatts» (Newsnetz) oder «einen Polizeireporter» («20minuten.ch»).

Die «Tagesschau» hat noch um 10.30 Uhr eine karge 12-Zeilen-sda-Meldung aufgeschaltet. Bei «NZZ Online» und Newsnetz verschwanden die Meldungen zwischendurch gar völlig.

Noch um 10.30 Uhr wird «auf die Medienkonferenz um 10 Uhr» verwiesen. Dort kann man sich wenigstens bequem hinsetzen.

Sechs Stunden nach einem solchen Ereignis? Nicht in Timbuktu, sondern im Kanton Bern, bequem im Zug, erster Klasse, vollklimatisert in 40 Minuten erreichbar.

22. Februar 2010

Forschungsbeiträge für die «Lage der Medien in der Schweiz»

Noch bis zum 28. Februar 2010 kann sich beim Bundesamt für Kommunikation (Bakom) bewerben, wer die «Lage der Medien in der Schweiz» erforschen möchte. (Medienmitteilung)

Folgende Fragestellungen gilt es dabei gemäss «Erläuterung» (PDF) zu bearbeiten:

  1. Beleuchtung der wirtschaftlichen Grundlagen von Medienunternehmen (Presse, Radio, Fernsehen und Internet);

  2. Auswirkungen der Medienkonzentration auf die Meinungsvielfalt (Presse, Radio, Fernsehen und Internet);

  3. Zukunftschancen verschiedener Medien (Gratiszeitungen, Abonnementszeitungen, Publikumszeitschriften, Mitgliederpresse, Internetzeitungen; öffentlichrechtliches Radio und Fernsehen, privatwirtschaftliches Radio und Fernsehen; Internetradio und –fernsehen, Blogs, webbasierte soziale Netzwerke);

  4. Auswirkungen des Internets auf Presse, Radio und Fernsehen.

Nur Mut!

18. Februar 2010

Gerhard Schwarz verlässt die «NZZ»

Gerhard Schwarz, langjähriger Wirtschaftschef und stellvertretender Chefredaktor der «NZZ», wird neuer Direktor des Think Tanks Avenir Suisse. Er wird sein neues Amt voraussichtlich im vierten Quartal 2010 antreten, wie die «NZZ» mitteilt.

Wenn das Aushängeschild der «NZZ» die alte Tante nach fast 30 Jahren verlässt, sagt das dann möglicherweise etwas über die aktuelle Stimmung an der Falkenstrasse aus?

14. Februar 2010

Intermezzo: Wetterjournalismus

5. Februar 2010

Bedauernswerte Tamedia-Wirtschaftsredaktionen

«Jetzt wird es eng für Schweizer Banker»*, titelt «tagesanzeiger.ch» und fasst einen Artikel der «Financial Times Deutschland» (FTD) zusammen, der sich mit möglichen Verfehlungen der Julius-Bär-Tochter JBCT im Zusammenhang mit einem Steueroptimierungsvehikel namens Moonstone-Trust befasst.

Aus verständlichen Gründen ignoriert wurde von den Newsnetzlern dabei die folgende Passage aus dem «FTD»-Bericht:

    «Als Mittelsmann der Kanzlei [Bär & Karrer] tritt Pietro Supino auf, ein Junior Associate. In den Unterlagen, die der FTD vorliegen, taucht mehrmals der Name Supino auf. Er hat etliche Schriftstücke rund um den Moonstone-Trust unterzeichnet. Heute ist Supino Präsident des zweitgrößten Schweizer Verlags, Tamedia. Auf Nachfrage lässt er über einen Sprecher erklären, er könne sich nicht mehr konkret an den Fall erinnern. Seine Nachforschungen hätten aber ergeben, dass er tatsächlich Dokumente den Moonstone-Trust betreffend unterzeichnet habe. Er sei sich aber sicher, dass alle vorgeschriebenen Richtlinien befolgt worden seien.»

Mal schauen, wie's weitergeht. Die Tamedia-Wirtschaftsredaktionen sind jedenfalls nicht zu beneiden.

* Eine neue Version des Artikels gibt's hier (danke Limmatpost). Leider habe ich den ursprünglichen Text nicht «gescreenshottet».

Update, 11. Februar 2010: Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino bittet um Veröffentlichung nachfolgender persönlicher Stellungnahme:

    «Als junger Anwalt arbeitete ich von 1996 bis 1998 als persönlicher Mitarbeiter und Assistent des Gründungspartners Dr. Thomas Bär bei Bär & Karrer Rechtsanwälte in Zürich. Nach den jüngsten Medienberichten um die Errichtung eines Trusts auf den Cayman Islands hat Bär & Karrer AG am Freitag schriftlich bestätigt, dass ich als angestellter Rechtsanwalt auf Anweisung und unter Aufsicht der Kanzlei tätig gewesen bin. Dabei lagen Kundenkontakt und die Kundenverantwortung bei Dr. Thomas Bär, der auch Verwaltungsratspräsident der Bank Julius Bär war. Im übrigen kenne ich die Hintergründe dieses Falles nicht - Bär & Karrer gestattet mir unter Berufung auf das Anwaltsgeheimnis keinen Einblick, hat aber früher versichert, dass alles korrekt sei. Aus diesen Gründen wäre es nicht sachgerecht, mir in diesem Zusammenhang ein bedeutsame Rolle zuzuschreiben.»

4. Februar 2010

«The new media have disappeared. They are just media now.»

«Guardian»-Chef Alan Rusbridgers Referat vom 25. Januar 2010 ist Pflichtlektüre für alle Verleger, Chefredaktoren und Online-Verantwortlichen (auch wenn Rupert «Dirty Digger» Murdoch zumindest Teile davon offenbar als «BS» [bullshit] bezeichnet hat).

Hier nur ein paar Schnipsel:

    «If you universally make people pay for your content it follows that you are no longer open to the rest of the world, except at a cost. That might be the right direction in business terms, while simultaneously reducing access and influence in editorial terms. It removes you from the way people the world over now connect with each other. You cannot control distribution or create scarcity without becoming isolated from this new networked world. [...]

    To put it another way, it may be right for the Times of London and New York, but not for everyone. It may be right at some point for everybody in the future, but not yet. There is probably general agreement that we may all want to charge for specialist, highly-targeted, hard-to-replicate content. It's the "universal" bit that is uncertain. [...]

    My commercial colleagues at the Guardian – the ones who do think about business models – are very focused on that, want to grow a large audience for our content and for advertisers, and can't presently see the benefits of choking off growth in return for the relatively modest sums we think we would get from universal charging for digital content. Last year we earned £25m from digital advertising – not enough to sustain the legacy print business, but not trivial. My commercial colleagues believe we would earn a fraction of that from any known pay wall model.

    They've done lots of modelling around at least six different pay wall proposals and they are currently unpersuaded. They're looked at the argument that free digital content cannibalises print – and they look at the ABC charts showing that our market share of paid-for print sales is growing, not shrinking, despite pushing aggressively ahead on digital. They don't rule anything out. But they don't think it's right for us now. [...]

    It is one of the clichés of the new world that most scoops have a life expectancy of about three minutes. A valuable three minutes for the FT or the Wall Street Journal if it's market sensitive information. Most people, with most information, and without subscriptions paid for by their companies, are happy to wait.

    If you erect a universal pay wall around your content then it follows you are turning away from a world of openly shared content. Again, there may be sound business reasons for doing this, but editorially it is about the most fundamental statement anyone could make about how newspapers see themselves in relation to the newly-shaped world.

    The internet has, of course, has had a dramatic impact on the economics of newspapers. But it has changed almost everything else as well. The whole world is in the middle of a revolution. This may sound an old-fashioned thing to say, because it has been true for at least 10 years. Things are still changing overwhelmingly and fast; in part, because the first digital generation is still growing up.

    There's been one change so big and obvious in the last decade that we may not have noticed it: the new media have disappeared. They are just media now: the means through which our world must be experienced. No one under 25 can remember a world without them.»

u.s.w. u.s.f.

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