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18. November 2006

Sparschwein

Mehr Mut zum Risiko, liebe NZZ!

Die NZZ AG will ihr «Leistungsangebot» optimieren, wie in der gestern Freitag verbreiteten Medienmitteilung zu lesen ist. 10 bis 15 Stellen sollen laut Medienberichten dadurch verloren gehen. Geopfert wird überdies die gedruckte Version des Ausgehmagazins «NZZ Ticket», das auf dem Internet durch eine «serviceorientierte Agenda-Datenbank von hoher [fill in the blanks]» ersetzt werden soll.

Neu hinzu kommt hingegen das Lifestyle-Magazin «Z»,* das sich bestimmt durch einen äusserst hohen Nutzwert – jedenfalls für die Werbebranche – auszeichnen wird. Zumindest über die für diesen Zweck geopferten Bäume darf man sich bereits heute ärgern, soll das Werbeumfeld schaffende Heftli doch der Samstags- und der Sonntags-«NZZ» beigelegt werden. Ebenso darf man schon jetzt darüber orakeln, was denn bei der nächsten Rezession mit «Z» geschehen wird.

Aufgebaut werden soll ferner eine gemeinsame Nachrichtenredaktion von «NZZ» und «NZZ Online» mit dem Ziel, «unserer Leserschaft in beiden Medien eine möglichst aktuelle und gleichzeitig qualitativ hochstehende Informationsleistung zu bieten». Das tönt zwar recht fortschrittlich. In Tat und Wahrheit dürfte es sich dabei aber in erster Linie um eine effizientere Nutzung der vorhandenen Ressourcen handeln. Die Abschlussredaktion des Blattes darf künftig vermutlich abends einfach gleich auch noch die Website mit Agenturmeldungen füttern.

Ausgebaut werden soll auch das «publizistische und serviceorientierte Leistungsangebot» von «NZZ Online». Der Schwerpunkt dürfte dabei eher auf Letzterem liegen, scheint mit dem Ausbau doch hauptsächlich die Stellenplattform «NZZexecutive.ch» gemeint zu sein.

Aber wo bleiben die wirklichen Neuerungen? Wo ist der Ruck, der durch das Hause NZZ gehen sollte?

«Zeitungen sind mehr als Papier», ist Beat Gygis Leitartikel in der heutigen «NZZ» überschrieben (der online dennoch nicht frei zugänglich ist):

    Die starke Stellung des <Spiegels> im Internet ist nach Ansicht von Fachleuten der Tatsache zuzuschreiben, dass Online- wie Print-Artikel von der eigenen Redaktion produziert und dadurch mit der Marke <Spiegel> in Übereinstimmung gebracht wurden.»
    (Ist etwas in dieser Art nicht erst kürzlich auf dem Medienspiegel zu lesen gewesen - «Die Zukunft der Tageszeitung oder: Rettet den Brand!»? Bin ich am Ende denn ein richtiger «Experte»!?)
Und Gygi weiter:
    «Nach Ansicht von Ökonomen gewänne die Glaubwürdigkeit bzw. die Marke einer Zeitung im papierlosen Raum erste recht an Bedeutung, da Orientierungspunkte umso wertvoller sind, je grösser die Flut an Informationen ist.»

Aber wo ist denn die «NZZ» in diesem papierlosen Raum namens Internet? Warum, tammi nomol, versucht die NZZ AG denn da nicht mitzutun? Weshalb zum Beispiel erscheint der Medienspiegel in den Google-Trefferlisten oft noch vor der «NZZ»?

Oder weshalb werde ich immer noch nicht täglich per E-Mail mit einer Liste der im Blatt erscheinenden Kommentare versorgt – mit Links zu den jeweiligen Texten, selbstverständlich? Weshalb erhalte ich keine E-Mails mit den Themen der verschiedenen Beilagen? Und wo sind die Listen mit den «most e-mailed» und «most blogged about» Artikeln?

Liebe Kollegen von der NZZ AG: Schaut Euch zum Beispiel doch an, wie die «Washington Post» zumindest versucht, «part of the conversation» zu bleiben (z.B. hier oder hier). Nehmt Euch doch einfach mal zehn Minuten Zeit, um über die folgende Beobachtung nachzudenken:

    «Alle reden vom Web 2.0 und dessen revolutionären Folgen für die Medienwirtschaft, ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender gab bei einer Konferenz in Berlin ein konkretes Anschauungsbeispiel: Anfang Juli lief im ZDF-Kulturmagazin "Aspekte" ein Beitrag über Walter Moers' neues Animationswerk "Der Bonker", 810'000 Zuschauer sahen zu. Im Online-Angebot des Zweiten, der ZDFmediathek, wurde der Beitrag bislang rund 680'000-mal abgerufen. Zudem wanderte er, teils leicht verändert, in andere populäre Videoportale wie etwa YouTube, MyVideo und sogar in das von RTL betriebene Clipfish mit insgesamt mehreren hunderttausend Abrufen. Kurz: Die Online-Sehbeteiligung lag in diesem Fall über jener der TV-Ausstrahlung. Für Brender ist die Schlussfolgerung klar: Es werde in seinem [Bereich] kein Beitrag mehr ohne die Überlegung entstehen, wie er im Internet weiterverwertet werden könne.» (via «turi2.de»)

Mehr Mut, mehr Risiko, liebe NZZ! Vergiss das tagelange Grübeln über Premiumdienste; der Markt ist ohnehin zu klein. Geh in die Offensive! Gib sämtliche Artikel zur Verlinkung, Kommentierung und Ergänzung frei! Lass die User Kommentare kommentieren und Filmkritiken kritisieren! Öffne Dein Archiv und pflastere es (versuchsweise) mit Anzeigen zu! Mach Dich breit im Internet (bzw. bei Google)! Verzichte auf die paar Franken aus dem kostenpflichtigen Online-Archiv (nicht aber auf die Einnahmen aus den Profi-Datenbanken)! Kannibalisiere Dich selbst, bevor es andere tun!

Angesagt ist eine Flucht nach vorn und nicht reculer pour ... faire quoi, eigentlich?

*Update, 20. November 2006: «Z» ist bereits besetzt, sagen die Nachbarn von «infamy».

Bemerkungen

Bemerkenswert flammende Worte für die alte Tante, die Weitsicht beweisen. Dennoch ist Geduld gefragt: Alte Tanten brauchen nun mal etwas Zeit, sich überzeugen zu lassen, sich von Altdamenkleidern wie gedruckte alte deutsche Schrift in jungendliche Mode der Version Web 2.0 zu stürzen.

Sarah, Deine Reaktion freut mich sehr, denn genau so "flammend" - und vermutlich auch etwas naiv - war mein "Plädoyer" gemeint.

ankebe:

Ein interessanter Beitrag ueber das Zusammenspiel von online und Print findeet sich hier: ">http://www.nytimes.com/2006/11/19/opinion/19pubed.html?ex=1321592400&en=e2cf93ec412a1a63&ei=5090&partner=rssuserland&emc=rss>

Shark:

Wieso, wieso, wieso?

Die NZZ versteht ihr eigenes Geschäftsmodell nicht, nein, sie glaubt tatsächlich, Abonnenten und Kioskkäufer würden für Inhalte bezahlen. Richtig ist hingegen: Abonnenten und Kioskäufer bezahlen für die Distribution, jedenfalls einen Teil davon. Die übrigen Kosten für die Distribution, die Kosten für die Inhalte sowie im Idealfall ein bisschen an Gewinn bezahlt "die Werbung"... deshalb funktionieren ja auch Gratiszeitungen wie "20 Minuten" und deshalb könnte sich eine Zeitung problemlos leisten, ihren Inhalt in geeigneter Form auch im WWW zu präsentieren, denn dort kann man ja genauso Werbung schalten.

Aber man erzähle mal einem Journalisten, was es mit der Werbung auf sich hat... da werden Journalisten, die ja sonst alles wissen (müssen), plötzlich sehr ungehalten und fühlen sich in ihrem Beurfsstolz verletzt.

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