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10. Mai 2006

Mediensatz

Wie man sich selbst ad absurdum führt

Ein Gewitter aus einem elektronischen Sturm-Tief ist am Wochenende über mich herein gebrochen. Und ich gebe zu: Es hat meiner Eitelkeit geschmeichelt, dass ein paar interessierte Menschen meinen Beitrag im «Magazin» gelesen, sich Gedanken gemacht und sich zu deren Formulierung an die Tastatur gesetzt haben. Die (von mir übrigens unbeabsichtigte) Ironie dieser Reaktionen: Die Blogger selber beweisen, wirkungsvoller als bloggen ist immer noch der ganz normale Journalismus. Auf ganz normalem Papier.

Der Blogger-Rebell von (((rebell.tv))) etwa ärgerte sich: «edi schuler... mir scheint. schurnalistende haben ein mega-problem mit dem internet». Aus dem Eintrag werde ich nicht ganz klug. Aber so ist das wohl, wenn man ein Mega-Problem mit dem Internet und der nicht immer glasklaren Ausdrucksweise ihrer Blogger-Elite hat. Und wenig später musste der Rebell eingestehen: «nachtrag: martin hitz schreibt, dass der beitrag von edgar schuler (unter anderem titel) seit langem bei ihm im blog ist: hier!» Der Mann bloggt schneller als sein Schatten.

Nachdenklicher ist da Jürg Stuker. Er liess mich auf dem Namics-Blog unter dem Titel «It's the Business Model, Edy!» unter anderem Folgendes wissen: «So könnte es auch sein, dass sie gewisse Geschichten gar nicht mehr schreiben müssen, da exzellente Journalisten (auch die gibt es es online) die Geschichte bereits in die ganze Welt getragen haben. Da schonen wir Ihren Baum doch lieber und drucken diese Zeile nicht nochmals.»

Nun ja, lieber Herr Stuker, der Artikel stand ja schon mal im Netz. Der Autor ist wahrscheinlich kein exzellenter Journalist, aber Sie haben den Beitrag ja so oder so erst dann wahrgenommen, als dafür ein Baum geschlachtet werden musste und der Text im «Magazin» erschien.

Jürg Stuker macht sich ja auch über die Zeitungen so seine Gedanken: «Kaputt ist das Geschäftsmodell der Finanzierung und das nicht zu schlecht. Zumindest, wenn an den vor hundert Jahren gültigen Werbeformaten festgehalten wird. Herr Schuler, wie finanziert sich das Magazin genau? Qualitätsjournalismus ja und gerne aber wer bezahlt.»

Das «Magazin» finanziert sich, soweit ich weiss, mit reichlich fliessenden Werbe-Einnahmen, die ihm das Bezahlen von Löhnen und Honoraren erlaubt. Von kaputt kann nicht - oder sagen wir mal vorsichtiger: noch nicht - die Rede sein. Und von Geschäftsmodellen verstehe ich tatsächlich kaum etwas, aber immerhin das: Bei Martin Hitz bekomme ich für mein Geschreibe eine Bündner Nusstorte im Jahr. Und selbst die muss er sich vom Mund absparen. Vom «Magazin» erhalte ich ein Honorar in Franken und Rappen. Und wie steht es mit Ihrem Blog, Herr Stuker? Wie sieht da die Rechnung aus?

«Peinlich, peinlich» rief ein gewisser Roger auf «Rogers Blog» ins weltweite Netz hinein: «Da führt sich einer selbst ad absurdum und bestätigt zudem aufs Ärgste das Cliché des misantrophischen (sic!) Journalisten, der ganz offensichtlich nicht im Geringsten an seiner Leserschaft interessiert ist. Kommentare liest er schon gar nicht, Hauptsache der Rubel rollt.»

Dass ich Kommentare nicht lesen würde, stimmt nicht ganz. Dafür bin ich nämlich viel zu eitel. Aber - mea maxima culpa - ich versäume es meistens, darauf zu antworten. Mitverantwortlich dafür ist eine simple Kosten-Nutzen-Rechnung: Für den Medienspiegel schreibe ich in meiner Freizeit. Und noch mehr davon möchte ich nicht investieren.

Immerhin: Ich habe mir vorgenommen, mich zu bessern. Dieser Eintrag ist ein Ergebnis dieses guten Vorsatzes. Tatsächlich ist doch einer der spannenderen Aspekte am Journalismus im Internet das, was die Blogger-Gemeinde als «Interaktivität» feiert.

Aber bei manchen Bloggern macht man sich eben schon verdächtig, wenn man als Journalist seine Arbeit nicht um Gottes Lohn macht. Da hat es die Blogger-Szene übrigens ähnlich wie jener Teil der Medienwissenschaft, der in jeder «Ökonomisierung der Medien» eine gefährliche Entwicklung sieht, ein Abdriften vom rechten Weg, der darin besteht, Wissen und Weisheit kostenfrei unter das Publikum zu bringen.

Wissenschaftlich gibt sich auch Andreas Göldi in seinen «Beobachtungen zur Medienkonvergenz» der allerhand Theorien aufbietet, um mich zu widerlegen. Er kommt aber immerhin zu einem versöhnlichen Schluss: «Hauptsache aber ist: Wir als Konsumenten haben die Wahl. Und das schmeckt auf der Seite der Medienschaffenden nicht jedem.» Da kann ich jedes Wort mitunterschreiben.

Und in diesem Fall nehme ich mit Interesse zur Kenntnis: Vor die Wahl gestellt, meinen Beitrag auf Papier zu lesen (hier verdankenswerterweise von Jürg Stuker eingescannt) oder als href="http://medienspiegel.ch/archives/001297.html">Blog, wählt sogar die Blogger-Gemeinde das Papier. Gut zu wissen.

Ich bin aber auch der letzte der bestreitet, dass wir Zeitungs-Journalisten und -Verleger nach 400 Jahren Monopol beim schnellen Verbreiten von Nachrichten und Meinungen ganz gewaltig Sprünge machen müssen, um im elektronischen Medienzeitalter weiter unsere Brötchen zu verdienen. Tempo, Allgegenwart und die Reaktionsmöglichkeiten der neuen Kommunikationsmittel fordern uns jeden Tag mehr heraus.

Aber totsagen lassen wir uns nicht so einfach. Und unser Geschäftsmodell lassen wir uns nicht von Leuten miesmachen, die in ihrer Mehrheit noch keinen Rappen Gewinn geschrieben haben. Und deren Hinterlassungen im Internet viel mehr mit dem zu tun haben, was immer noch auf Papier gedruckt wird, als sie selber glauben.

Bemerkungen

Hallo Herr Schuler

Danke für die ausführliche Reaktion. Sind interaktive Medien nicht wunderschön anregend? ;-)

Nur noch eine Sache: Ich habe Ihren Beitrag leider bisher noch nicht auf einem toten Baum zu lesen bekommen (das wäre unterwegs in Italien an diesem Samstag auch schwierig gewesen), sondern wurde lediglich durch den Blog-Eintrag von Jürg Stuker darauf aufmerksam. Ohne andere Blogs hätte ich wohl nie von diesem Magazin-Artikel gehört.

Da ich zu den treuen Lesern des "Medienspiegels" gehöre, kam mir der Text irgendwie auch schon bekannt vor. Bei der ursprünglichen Erscheinung war ich aber gerade in einer Blog-Pause und habe wohl darum nicht darauf reagiert. Ausserdem wirkt vermutlich ein solcher Text in einem gedruckten Magazin auf Blogger auch deutlich provokativer als online. The medium is (manchmal eben doch) the message...

Lieber Herr Schuler,
Der Titel gefällt mir; und die Interaktivität ist ja jetzt auch da, ich kann also meinen Beitrag korrigieren bzw. einen neuen schreiben.

Kurz, ein, zwei Gedanken:
* Cohabitation: Alle, die die traditionellen Medien begraben, haben unrecht, aber eben auch die die die neuen vorschnell ad acta legen. Die Zukunft wird verstärkt eine Zirkulation zwischen beiden bringen. Ihr Beitrag (wo auch immer) - die Reaktion - die Gegenreaktion - die Reaktion... das ist das neue Spiel. Und hier wird eindeutig was Neues generiert.

* Einige Blogger lesen das Tagi-Magi, andere nicht. Davon schon abzuleiten, dass das Printmedium eben doch wichtiger ist, finde ich eine unnötige und auch nicht ganz wahre Zuspitzung.
Denn, ich habe ihren Beitrag erstmals bei Martin Hitz gelesen, und ihn auch kommentiert. Ich hätte mir damals eine direkte Auseinandersetzung gewünscht.
Dann habe ich den Artikel im Tagi-Magi gelesen (grundsätzlich beschränkt sich mein papierener Zeitungskonsum auf Samstag und Sonntag sowie auf Reisezeiten, wo ich eher anglosaxonisches bevorzuge), war aber mit der Familie zusammen und wollte nicht gleich reagieren. Dann ist ihr Artikel in den übrigen Artikeln in meinem Gedächtnis rasch nach hinten gerückt.

Am Abend war ich dann auf Andreas Göldis Blog und
fand dort seinen Beitrag. Dieser führte mich rasch weiter zu Martin Hitz - denn da ich ihn kommentiert hatte, hatte ich ihn damit auch persönlich aufgeladen. Dann weiter zu Jürg Stucker...

... muss jetzt gleich kurz weg. Der zweite Teil folgt später auf meinem Blog.

Fies. Mir ist der Schuler nicht an den Karren gefahren, da fühl ich mich jetzt echt ignoriert. Vielleicht sollte ich meinen Beitrag ausdrucken und als Leserbrief einsenden :-).

Tantenneffe:

Wenigstens ist dieser Wasserglassturm ein Beaufort schwächer als das letztjährige Theater um Mingels' Web-Artikel. Jetzt müssten nur noch beide Seiten ihre Wahrnehmung etwas downsizen. Otto Normalleser ist der eitle Gockeltanz "Blogger vs. Journalisten" nämlich herzlich egal.

@Tantenneffe
Eine "Cohabitation" ist zu Beginn immer etwas gockeltänzerisch. Man sollte aber anfügen, dass Medien ja immer schon gerne über Medien berichtet haben.

Otto Normalleser ist das natürlich egal, aber ihm sind noch viele andere Dinge egal, z.B Moritz Leuenbergers Badehosen, Monika Lewinskys Techtelmechtel etc. Trotzdem besetzen solche "No-News" die Medien während Wochen ganz erheblich.

Dann wäre noch die Frage, was denn Otto Normalleser nicht egal ist. Und dazu gibts eine schöne Antwort: Blogs lesen! Denn da sieht man das ganze Spektrum der Interessen von Otto und Emily Normalleser.

@tantenneffe
deine trivialisierung unserer diskussion ist mir zu trivial. (es gibt auch männer, die merken, wenn sie am schwänze vermessen sind. himmel...) nein: das wäre eine schöne anlage für studierende der germanistik: eine textanalyse zwischen der obigen replik von edgar schuler im vergl. zum beitrag von andreas göldi in diesem gesprächsstrang. ich stelle mir vor, dass allein über diese beiden textfragemente sensationelle hinweise über herangehensweise, arbeits- und grundhaltungen herausgearbeitet werden könnten... wenn du sagst, wir sind am gockeltanzen - wer wäre dann eigentlich die braut, vielleicht mache ich ja doch noch mit!? - machst du unser thema testosteronhaltig. und das ist das dümmste, was uns passieren kann. aber ich verstehe natürlich, dass die ausgangslage so enorm ist, dass schnelle, billige, triviale antworten eine prima deckel sind, welche die brodelnde suppe abzudecken vermag. dennoch: zur erinnerung: wer eine kamera, ein notebook und einen schnellen internet-access hat (fast jede schwierige mutter!), kann schwer vergessen:
- dort draussen dösen millionen von laserprinter im standby-modus: diesen druckmaschinen ist es hundelangweilig!
- dort draussen verfügt bald jedes elektronische ding über einen speicherplatz an welchem lautsprecher hängen: es gibt ohren, welche zuhören mögen!
- dort draussen liegen millionen vor den bildschirmen: die wollen was zu sehen bekommen.
und jetzt entdecken wir, dass roger (einmal mehr) recht hat: wir stellen augenreibend fest: wir interessieren uns noch für ganz andere sachen, als die herren über die quotenjäger es zulassen durften... wie hat damals onkel albert seinen trivialisierenden kollegenden geantwortet? "möglichst einfach. aber nicht einfacher!"

Tantenneffe:

Nun, ich habe nicht alles Triviale (bzw. in Weblogs Notiertes) als irrelevant bezeichnet, sondern nur den Gockeltanz. Dass sich viele für bundesrätliche Badehosen interessieren, ist zweifellos richtig. Dass Weblogs, auch zu mainstreamuntauglichen Themen, mehr und mehr Zuspruch geniessen ebenfalls.

Weshalb mir Herr /sms ;-) nun Vermessungsabsichten betreffend Meister Iste unterstellt und meine Meinung als trivialen Deckel für ein garantiert testosteronfreies Süppchen bezeichnet, ist mir dagegen nicht ganz klar. Woher kommt dieser Griff zur Verbalkeule? Ist er dem selben Reflex geschuldet, der die Bloggergemeinde empört in die Tasten greifen und Petitionen und Leserbriefe verfassen lässt, sobald ihr Status als vermeintliche fünfte Gewalt in Frage gestellt wird?

indieaner:

lustig find ich das. da versuchen alle dem herrn schuler beizubringen, dass er gar nicht so grosse angst zu brauchen hat, weil es eben nicht eine frage von Blog oder Zeitung ist, sondern die tendenz auf einen Komplementär-Zustand hinausläuft - keine subsitutionsfrage. aber herr schuler scheint einfach nicht zuzuhören und verbeisst sich in seinem rundumschlag gegen alles geschriebene was gratis ist und auf einem bildschirm verbreitung erfährt. wo liegt das problem herr schuler?!

@onkelnichte
erstaunlich wie du es präzis schaffst, am behaupteten gegensatz zwischen blogs & irgendwas festzuhalten. auch ich will *stur* bleiben dürfen und weiterhin behaupten: um exakt diesen gegensatz geht es (mir) in keiner weise. (weder als potenzieller goggel, noch als möglicher verbalkeuler... ;-) weil du eine @nzz.ch adresse kommunzierst, weist mir deine fleissigen eingrenzungsversuche des gespräch eine interpretationsoption zu... also...

(Diese, ursprünglich am 10. Mai 2006 gepostete Bemerkung von Jürg Stuker ist beim Despammen fälschlicherweise gelöscht worden. Ich, der Medienspiegler, habe sie aus dem Google-Cache wieder hervorgeholt. Sorry!)

Danke für die Replik und - damit ich es gleich gesagt habe - für eine Nusstorte pro Jahr hätte ich bei namics viiiiiiele spannende Jobs für Sie.

Tatsächlich ist es schade, dass der Baum hinhalten musste, damit ich Ihren Artikel zu Gesicht bekam. Hoffentlich erzeugt die Tatsache, dass ich diesen per Scan wiederum in's Netz brachte keine Rückkoppelung. (Nicht ganz) unterschwelig war da auch die Aussage drin, dass das Magazin die Online-Publikation nicht im Griff hat. Aber evt. ist dort ja aben kein Geld und deshalb tut man es nicht...

A propos Geld. Daran habe ich beim namics Weblog nie gedacht (und denke auch heute nicht dran). Im Zentrum steht Freude an der Sache und das Interesse das Medium zu erkunden und zu verstehen. Die paar Minuten Aufwand sind eher eine interessante Freitzeitarbeit. Die positiven geschäftlichen (Seiten)effekte sind dennoch beachtlich. V.a. im den Bereichen Reputation, Marketing und Rekrutierung. Mehr Details gerne bei einem Bier.

Und wegen der Scheiflage des Geschäftsmodells bin ich überzeugt. Wenn auch, wie Sie zustimmen, das ein Blick in die Zukunft ist - Wenn auch heute ein paar der Zahlen nicht mehr so erquickend aussehen. Die Aussage hier ist nicht, dass es keine Print-Werbung mehr braucht, aber das sich der Verkauf, die Preisgestaltung und die anzusprechende Zielgruppe massiv verändert. Am Ende steht aber auch ein kleinener Teil am Werbekuchen und damit weniger Geld. Nicht alle Verlage verhalten sich hier gleich geschickt... Nach einer Meinung bezahlt Ihnen "das Magazin" auch morgen noch einen guten Lohn. In Franken und Rappen.

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