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29. März 2006

Mediensatz

Tote Bäume leben länger

Den Tod der Tageszeitung anzukündigen, gehört heute zum guten Ton. Jedenfalls dann, wenn ein geplagter Zeitungsjournalist in Hörweite ist. Besonders gern in diese Richtung orakeln aber ausgerechnet jene Leute, die am wenigsten davon verstehen: Die Internet-Gurus aller Farbrichtungen. Es ist Zeit, ihnen zu erklären, warum die Zeitung auf echtem Papier soviel Zukunft hat, wie das Nirvana des papierlosen Büros ewig chancenlos bleibt.

Kürzlich etwa hat sich kein geringerer als Vint Cerf, der «Chief Internet Evangelist» der Suchmaschine Google, auf «FAZ online» dazu geäussert: «Zeitungen haben eine Zukunft, denn hochwertige Informationen werden immer benötigt», meint Cerf zunächst gönnerhaft. «Aber die Fähigkeit, die Nachrichten im Netz zu präsentieren, ist extrem wichtig.» Und dann kommt der Fehlschluss: «Denn in der Zeitung hat man die Restriktion des begrenzten Platzes. Im Internet gibt es keine Grenzen. Damit wachsen auch die Möglichkeiten, Nachrichten in verschiedenen Medien zu präsentieren, sei es im Internet oder auf mobilen Geräten.»

Wie viele seiner Kollegen missversteht Internet-Pionier Cerf die wahre Stärke des gedruckten Worts im Netzzeitalter: Die Beschränkung. Oder auf gut Smart-Deutsch: Reduce to the Max!

Das Problem, das wir heutzutage mit der Information haben, ist ja nicht, dass wir zu wenig davon kriegen: Morgens beim Zähneputzen läuft schon das Radio, im Büro haben wir Google News auf dem Bildschirm, abends quillt der Briefkasten mit Werbung über, wir gehen mit dem iPod joggen und legen uns dann vor den Fernseher. Wir zappen dann stundenlang, ohne alle Sender zu erwischen. Wir sind mit Information so überfüttert wie manche Teenager mit Hamburgern. Und wonach sehnen wir uns dann? Nach dem handlichen Paket überblickbarer, nützlicher Meldungen, gut abgemischt mit munterer Unterhaltung. Statt uns durch einen Nachrichtenwust zu pflügen, wollen wir fröhlich mit den Augen über Texte flanieren. Herrlich diese Übersicht! Und das alles ohne Strom, im Tram, beim Kaffee und in der Badewanne.

Warum denn hat die «Kompaktzeitung» «20-Minuten» mit einer Million Lesern soviel Erfolg, dass sich fast alle anderen Verlage jetzt die Finger danach schlecken? Warum ist die schwarze Zahlen schreibende «NZZ am Sonntag» eine fast ebenso erstaunliche Erfolgsgeschichte? Warum summt und brummt es in den Ideenfabriken der Verlage von neuen Projekten – alle auf Papier von toten Bäumen?

Sicher: Die Zeitungsverlage hatten mit ihren Druckerpressen lange Zeit ein Monopol auf die Verbreitung von Informationen. Und darum verstanden sie und wir Journalisten selber nicht, welches die Stärken unseres Mediums sind. Aber wir haben das Ende der Gutenberg-Galaxis überlebt.

In den 80er-Jahren haben wir vergeblich versucht zu werden wie das Fernsehen. Wir mussten einsehen, dass unsere Leser in der Zeitung nicht die Tagesschau suchen. Genauso wenig müssen wir jetzt das Internet imitieren oder ganz dorthin migrieren. Das komplexe technische und soziale System der Zeitung und ihrer Redaktion ist noch jedem blökenden Blogger überlegen, der einsam vor seinem Bildschirm sitzt.

Die «Dead Trees»-Fraktion wird also noch manchen Internet-Pionier überleben. Ans Gegenteil glaube ich erst, wenn Medienspiegler Martin Hitz seinen Kolumnisten Honorare zu zahlen beginnt.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

Bemerkungen

Tantenneffe:

Well roared, lion. Wer jetzt noch lachen will, sehe sich die Kommentare der Internetfraktion an, welche erst vor wenigen Monaten das Ende des Papiers prophezeite:

http://medienspiegel.ch/archives/001168.html

NB Es wäre schön, wenn in der Kommentarfunktion Trackbacks zu Hitz'schen Archivalien leichter gesetzt und auch die Kommentare mit der Suchfunktion durchforstet werden könnten. Evtl. ein Outsourcing-Projekt zuhanden eines jungen, internetten Menschen?

Die Trackbacks habe ich abgedreht, weil ich sonst zu Tode gespamt worden wäre. Aber für einen jungen, internetten Menschen wäre es in der Tat höchste Zeit. Die Weblog-Software müsste nämlich schon lange upgegradet oder ausgewechselt werden.

Tantenneffe:

Nun, dann empfehle ich den Umstieg auf Wordpress und eine Rekrutierungs-Annonce, z. b. bei phpug.ch .

Indieaner:

ach. wieder so ein ängstlicher Zeitungspublizist. Informationsvermittlung ist nicht an eine berufsbezeichnung gebunden. es ist nicht eine frage von zellulose oder nicht. der medienkonsument begibt sich vom passiven konsum zum aktiven mitgestalten. darin liegt die eigentliche revolution. dass dabei halt am journalistenberuf gerüttelt wird ist klar. aber dann immer gleich in wadenbeisserstellung zu verfallen ist lächerlich. denn dass die zeitungen nicht aussterben werden ist ja klar. internetgurus müssen halt etwas übertreiben. ansonsten versteht man ja die meldung nicht.

Tantenneffe:

Nun, das «aktive Mitgestalten» beschränkt sich im Moment auf das Anliefern von Content. Sichtung, Auswahl und Redaktion erfolgen nach wie vor durch die durchgerüttelten Journalisten. Ich erlaube mir deshalb, an meinen zeitungspublizistischen Angstneurosen festzuhalten und freundlich zu lächeln.

Lieber Edgar Schuler,
Ich muss mich ja wohl zu den "blökenden Bloggern" zählen.

Ich stimme Ihnen zu, dass das Papier einen Wert hat, den man nicht zu schnell abschreiben sollte. Ich kann mir sogar gut vorstellen, dass das PC-Internet ab einem gewissen Punkt auch selbst unter Druck kommen wird - nicht vom Papier, sondern von den mobilen Geräten (Mobiltelefone, PSPs, iPods usw.). Das sieht ja der Google CEO ähnlich. Und die Verbindung Papier und mobile Geräte ist ja wirklich auch die Spannendere, den da ergänzen sich zwei Medien kongenial.

Wo ich hingegen schwarz sehe für die Zeitung, und wo ich denke, dass sie massiv unter Druck kommen wird, ist beim Monopol der Informationsaggregation bzw. Meinungsmacher-Monopol.

Gerade die Gratiszeitungen - die wohl dank fehlenden Wettbewerbs (aber der kommt ja) und Werbeverlagerung zurzeit ziemlich rentabel sind - unterminieren den Glauben an die journalistische Qualität und stellen damit das bisherige Meinungsmonopol durch ihr Gratissein bei den Junglesern in Frage. Und dieser Glauben überträgt sich wohl auch auf die anderen Presseerzeugnisse.

Werden die heutigen jungen 20 Minuten-Leser morgen eine Qualitätszeitung kaufen oder werden sie sich ihre Informationen Community- oder iTunes-mässig selbst zusammenstellen? Diese Frage können wir abschliessend wohl erst in ca. 10-20 Jahren beantworten. Meine persönliche Meinung geht klar in die zweite Richtung. Die Anzeichen sind da, die brilliante Analyse auch: From Push to Pull von JSB.

PS: Martin? Blog-Software, bei Interesse bitte melden:)

Sam:

Es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis nicht nur der Schreiber dieses Blogs gemerkt hat, dass die Infoflut im Internet reduced to the max werden muss, um die old school Zeitungen zu verdrängen.

Es ist doch ganz klar, dass solche Dienste vor der Türe stehen (deshalb sind ja neue Inhalt-Sortier-Mechanismen wie Tagging am aufkommen) und das gefilterte Bloglesen im Tram nicht erst 2008 hier sein wird.

Zeitung? Aus die Maus.

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