In geschlossenen Räumen kann man ersticken
Balz Rigendinger befasst sich im (Nachrichten)-Magazin «Facts» mit dem Los von Schweizer «Zeitungs-Portalen». Der Artikel steht mitunter auf recht wackeligen Beinen. So soll es ausser der «New York Times» bislang noch keinem Betreiber gelungen sein, «mit Online-News Geld zu verdienen». Das dürfte in dieser Absolutheit sicher nicht zutreffen.
Und der «New York Times» sei dies nur gelungen, weil die Nutzer bereit seien, für hohe journalistische Qualität zu bezahlen: «Was in der Zeitung steht, soll auch online etwas kosten», meint «Facts». Aber sind nicht gerade bei der «New York Times» beinahe sämtliche Inhalte der Tagesausgabe kostenlos zugänglich, gegen Registrierung zwar, aber dennoch gratis? (Dasselbe gilt übrigens auch für die «Washington Post».) Wie sagte doch Leonard Apcar, Chefredaktor von «NYTimes.com», im Sommer des vergangenen Jahres? «Almost 75 percent of our revenue comes from advertisers [...]». Den Rest erwirtschaftet «NYTimes.com» mit dem Verkauf von möglichst genau auf die Bedürfnisse der User zugeschnittenen «Content Bundles» (siehe «Verleger als Detailhändler»).
Und Apcar weiter: « [...] our chief executive, Martin Nisenholtz, convinced our top management that charging a subscription for The New York Times on the Web was a tempting source of income but ultimately a bad idea. On a medium as new as the Internet, he argued that there was little loyalty among readers. If a subscription roadblock popped up while readers were trying to read NYTimes.com, he was pretty certain that readers would simply click to another site where no such obstacle existed. The result would be a very small base of readers. Loyal readers, yes, willing to pay for the privilege, but ultimately too small a base to generate the revenues and profits demanded by the marketplace and shareholders at a public company like ours. Our bet back then was that the greatest number of readers could eventually create a lucrative, national advertising medium as well as a medium for news.»
Und auch die Kannibalisierungsthese lebt bei «Facts» wieder auf: «Die Portale mit Print-Inhalt haben die Mutterblätter konkurrenziert. Fast alle Zeitungen verloren in den vergangenen Jahren Leser und Auflage, auch wegen des Internets; der Boom wurde zum Bumerang.» Auch diese Behauptung dürfte kaum zu belegen sein. In einer vor wenigen Tagen veröffentlichten umfangreichen Studie zur Situation der Medienbranche in den USA («The State of the News Media 2004») heisst es zum Beispiel: «It is not so clear that the Internet is cannibalizing the old media. In 2002, 72% of Internet users said they spent the same amount of time reading newspapers as they did before. Television appears to be suffering more from the move online.»
An eine Erholung des Internet-Werbemarkts scheinen die Schweizer Verleger nicht zu glauben. Lieber riskieren sie ihre Reichweiten und setzen auf Kostenpflicht. Und die kostenpflichtigen Inhalte werden vorzugsweise in Faksimile-Ausgaben verpackt, die sich besonders einfach verrechnen lassen. Diese digitalen Druckversionen strapazieren aufgrund langer Ladezeiten nicht nur die Geduld der User, sie sind meist auch äusserst mühsam zu navigieren. Eigentlich machen sie sich nur noch das Übertragungsprotokoll des Internets zu Nutze; mit der ursprünglichen Idee des WWW haben sie sonst aber herzlich wenig zu tun: Die Inhalte werden nicht aktualisiert, Hinweise auf weiterführende Informationen sind kaum möglich und Links in den Cyberspace vermutlich unerwünscht. Shovelware in extremis!
Im Gegensatz zur «New York Times» scheint man hierzulande der Ansicht zu sein, nicht zahlungswillige User mit der Weiterverbreitung von Agenturmeldungen bei der Stange halten zu können. Die Mauern, hinter denen sich die hochwertigen, meist aus der Printausgabe stammenden Inhalte verstecken, lassen sich nur durch Zücken des Geldbeutels durchdringen. Resultat: Immer weniger Links führen auf die Angebote der Zeitungen und immer weniger Inhalte können von Suchrobotern überhaupt indexiert werden. Dies wiederum dürfte zur Folge haben, dass die Angebote von «NZZ», «Tages-Anzeiger» & Co. in den Suchergebnissen der Über-Suchmaschine Google immer weiter nach unten rutschen. Ob sich die Reichweiten so auf Dauer halten lassen, ist zu bezweifeln. In geschlossenen Räumen kann man nämlich auch ersticken!
Soeben entdeckt (29. März 2004): Zu ganz ähnlichen Schlüssen gelangt Robin Meyer-Lucht in einem Artikel auf Perlentaucher.de (via Dienstraum).